27.10.16

Frankfurter Buchmesse 2016: Außer Spesen ist nicht allzuviel gewesen

»Nach Olympia wollt ihr? Ja, reichen euch denn die anderen Mühsale des Lebens noch nicht?« soll der Philosoph Diogenes Männer gefragt haben, die als Zuschauer zu den Olympischen Spielen reisen wollten. Der nichtgriechische Rest der Welt brauchte wie immer ein wenig länger, um zu begreifen. Doch mittlerweile stimmen immer mehr Menschen, etwa vor Monaten die Hamburger, gegen Olympische Spiele in ihrer Stadt, froh darüber, daß der »olympische Wanderheuschreckenzirkus des Thomas Bach«, wie neulich jemand (und hier ein anderer) sehr treffend schrieb, ihre Stadt und ihr Land verschont.

»Zur Frankfurter Buchmesse wollt ihr?« könnte man analog fragen. Ja, wollte ich - nach fünf Jahren Pause. Auch wenn's nur eine Neuerscheinung gab - belgisches Bier würde aus Frankfurt eine nette große Party machen ...

Montag, 17.10.2016

Ob ich das noch mal schaffe, wirklich morgens loszufahren statt erst Stunden später? Diesmal wieder einmal nicht ... Start (nach Gang zur Post und viel Gekrame) um zwei, Tanken und Mittagessen in Tübingen, und erst gegen fünf näherte ich mich nach den üblichen Staus dem Frankfurter Kreuz.

1956 wurde es gebaut, das erste Autobahnkreuz Deutschlands, und zunächst knallte es dort häufig. Viele Autofahrer wollten einfach nicht einsehen, daß sie einen Rechtsbogen fahren sollten, wo sie doch eigentlich nach links wollten ...

Inzwischen ist alles noch viel komplizierter geworden durch den Frankfurter Großflughafen und seine vielen Zufahrten, in denen sich selbst Ortskundige immer wieder verfranzen. Einfacher wär's für mich, eine Ausfahrt später abzufahren, Ausfahrt 21 statt 22 ...

Egal jetzt. Ich nahm Nr. 22, die südlichere. Durch ein Gewirr von Fahrbahnen kam ich auf die B 43, bog rechts ab, vorbei an dem riesigen, kühl-grünlich schimmernden Steigenberger Flughafenhotel - und fand mich auf einem Holpersträßchen wieder, das durch den Frankfurter Stadtwald einige Kilometer weit direkt nach Schwanheim führte, einen dörflichen Frankfurter Stadtteil ganz im Südwesten. Ein großer Gratisparkplatz dort, wo Wald und Dorf aneinanderstießen - ich war am Ziel. Zwar durfte man hier nur 24 Stunden parken, aber das merkte ich erst, als ich nach einer Woche wieder wegfuhr - ohne »Knöllchen« gottlob ...

Gegenüber die Endstation der Straßenbahn und wenige Schritte weiter der Beginn von »Alt-Schwanheim«, einer Art »Freßgaß« im Kleinen mit rund einem halben Dutzend Lokalen und zwei, drei Hotels, darunter auch meinem, das mit 40 Euro pro Nacht und Nase das billigste war.

Wahrscheinlich auch deshalb, weil sie den Portier einsparen, dachte ich sauer, als ich an der verschlossenen Tür nur einen Zettel mit Telefonnummern vorfand, bei denen sich niemand meldete. Hätten nicht ein paar Herumstehende mit osteuropäischem Akzent mir gesagt, daß die Rezeption 50 Meter weiter um die Ecke war, ich wäre ratlos geblieben.

Frühstück ging nun doch extra, erfuhr ich dort (allerdings zu maßvollen 5,50 Euro), und statt einer Etagendusche gab's nur ein Etagenklo - und ansonsten eine Woche lang Katzenwäsche am Waschbecken im Zimmer.

Nach dem Einchecken wieder rein ins Auto und bei Ausfahrt 21 auf die Autobahn, rüber über den Main, mit Blick auf die in der Dunkelheit funkelnden Bürotürme im Osten, und zur Buchmesse. Nein, so ein Gedränge wie am Montagmittag vor der Buchmesse 2009 war diesmal auf dem Parkplatz vor Halle 3 nicht; friedlich wie eine Elefantenherde in der Nacht standen die Kleinbusse und Lkws beieinander, und es gab noch genug Platz für meinen Kombi, ohne irgendwem im Weg zu sein. Zwei Fuhren mit meinem Rollwägelchen waren nötig, um alles in meinen 4-m2-Ministand zu verfrachten, der ganz unten im Erdgeschoß war, in Halle 3.0, Stand B 23. Morgen würde ich alles einräumen, für heute war genug getan. Ich schlenderte zurück, vorbei an den musikbedudelten Monteuren, die in allen Gängen die Großstände aufbauten und dabei die Gänge oft so mit Material vollstellten, daß ich mein Ziel nur auf Umwegen erreichen konnte.

Rückfahrt nach Schwanheim - aber ach: Die Autobahnausfahrt 21 südwärts liegt woanders als die Auffahrt 21, und ich kurvte zwischen Bürovierteln, Sportanlagen und dem lauschigen Waldrand ziemlich lang umher, bis ich endlich wieder auf meinem Parkplatz war.

Minuten später erreichte ich den »Zehnthof«, ein Lokal in Alt-Schwanheim, das Schweinebraten mit Knödeln, Gulasch mit Spätzle und Rotkraut und ähnlich Leckeres für rund zehn Euro bot - mein »Stammlokal« für die Messetage war gefunden - was den einen oder anderen Abstecher in andere Lokale nicht ausschloß ...

Ziemlich früh, zwischen neun und zehn, ging ich zu Bett; selten wurde es an einem dieser Messetage später.

Dienstag, 18.10.2016

Nachts ging es mir so wie neuerdings öfter: Ich lag nach einer ersten Mütze voll Schlaf lange dösend oder schlaflos da, hörte das durch die dünnen Wände nur mäßig gedämpfte Schnarchen der Zimmernachbarn, und erst wenn gegen Morgen das Aufstehenmüssen näherrückte, wurde ich von bleierner Müdigkeit ergriffen, während etliche Zimmernachbarn gurgelnd und plätschernd und fernsehend sich auf die Frühschicht vorbereiteten; solche Billighotels sind immer auch ein Refugium für Arbeiter auf Montage, Leiharbeiter etc.

Vielleicht wäre die Jugendherberge doch vorzuziehen. Da wohnt man citynah für 20 statt 40 Euro, Frühstück inklusive, Duschen auch, und gegen Schnarcher gibt's ja Ohrenstöpsel. Andererseits habe ich für meinen Jugendherbergswerksmitgliedsausweis seit 1992 rund 1000 Euro gezahlt, genug für vier Wochen Mallorca-Urlaub, und in Anspruch genommen habe ich ihn seitdem allenfalls für 30 bis 40 Übernachtungen.

Um sieben saß ich beim Frühstück wie an den kommenden Tagen auch, legte mich aber noch mal aufs Ohr, bevor ich am späten Vormittag aufbrach. Schreck: Wo war mein Ausstellerausweis? Glück: Im Auto lag er zwischen den Sitzen, war mir aus der Tasche gerutscht.

Die Trambahn-Endstation war nur 200 Meter vom Hotel entfernt - aber die Trambahn würde noch zwei Wochen lang nicht verkehren - wegen Gleisbauarbeiten. Also rein in den »Schienenersatzverkehr«, in den Bus, der mich bis »Bürostadt Niederrad« brachte, ein Stadtviertel, das seinen Namen zu Recht trug, denn außer zehn- bis zwanziggeschossigen Büroklötzen, allenfalls mit ein paar Läden und Restaurants im Erdgeschoß, war da nichts, nichts als nachts gähnend leere, riesige Boxen für Tausende von Sesselfurzern. Auf einem der höchsten Kästen, direkt neben der »Schienenersatzverkehr«-Endstation, leuchtete eisblau der Schriftzug »Nestlé«. 

Rein in die Straßenbahn, denn ab hier verkehrte sie wieder. Nun hatte ich die Möglichkeit, mit zweimal Umsteigen per S-Bahn zum Messe-Eingang Torhaus oder mit einmal Umsteigen per U-Bahn zum Messe-Eingang Festhalle/Messeturm (City-Eingang) zu kommen. Ich entschied mich meist für Letzteres: Einfach sitzen bleiben, auch wenn's ein paar Minuten länger dauert.

In gemächlichem Tempo schob sich die Straßenbahn vorbei an zunehmend älteren Häusern, aus den 20er Jahren, aus der Kaiserzeit, an kleinen Bierkneipen, Läden, auch solchen wie dem »Kaftan Shop« für orientalische Kundschaft in der Stresemannallee. Wenn das der olle Stresemann in seinem Stresemann noch sehen könnte! Sogar einen Thron für eine Hochzeit kann frau sich dort aussuchen und ausleihen, siehe hier. Da kann sie sich dann wenigstens einmal im Leben als Herrscherin fühlen ...

Aussteigen am Hauptbahnhof, da, wo es »multikulti« und rotlichtig wird und wo man gut auf sein Portemonnaie aufpassen sollte. Rein in die U-Bahn und dort nur eine Station weit und von dort gleich unterirdisch in den Messeturm und weiter in die Halle 3.

Halle 3 hatte ich mir diesmal gewünscht, weil dort der Publikumsandrang größer ist als in Halle 4, besonders am Samstag und Sonntag. Halle 3.1. (mit den großen deutschen Publikumsverlagen) wäre mir zwar etwas lieber gewesen als die etwas kinderbuchlastige Halle 3.0, aber gut, auch in 3.0 gibt's einige Verlage für Erwachsene - meinen z. B. ... 

... aber auch »Merlin's Bookshop« gegenüber von mir, ein 8-m2-Stand, ein SM-Buchladen und -verlag und Veranstalter einer Fetisch- und SM-Messe, der mit seiner Autorin Lisa Skydla warb, die laut ihren Aussagen recht gut von ihren selbstgeschriebenen Titeln leben konnte, sie auch selbst in alle Ebook-Plattformen einstellte, die Leserschaft auf Facebook mit Häppchen »anfütterte« etc. ... 

2010 war Last Gasp aus San Francisco unser Standnachbar in Halle 4.1, der »Kunsthalle«. (Die kamen aber auch kein zweites Mal.) In den ersten 40 Sekunden dieses Videos kann man einen gewissen Eindruck vom Standaufbau und der Messe gewinnen (neben der rechten Trennwand war der Marterpfahl verborgen ;-)), wobei so ein relativ spärlich ausgestatteter 8-m2-Stand noch ziemlich einfach zu bestücken ist; in einem 4-m2-Kabuff aber fragt man sich, was man zuerst auf den Gang stellen und was man in der drangvollen Enge zuerst erledigen soll, ohne daß anderes im Weg steht oder man selbst mit seinem Krimskrams anderen im Wege steht.

Nach dem Besuch alter Freunde in Halle 4.1. begab ich mich zu dem Elektriker dortselbst und bestellte und bezahlte (rund 100 Euro) zwei Strahler, die prompt geliefert wurden, dann hängte ich peu à peu die Wandschienen ein - aber was war das? Manche sind ja total verzogen! Doch gottlob war zehn Meter weiter der Stand der »Schutzgemeinschaft deutscher Wald«, der seine Wände nur mit Plakaten dekoriert hatte und seine hervorragenden Schienen gar nicht brauchte; auch war es dort noch so still und einsam wie meistens im deutschen Wald, so daß man sich ungestört ein paar Schienen holen konnte ...  

Immerhin war dank der Merlins (ausgestattet mit einem Kühlschränkchen, meins hatte ich aus Platzmangel daheim gelassen) heuer gesichert, daß nicht nur - wie einst bei Goliaths - ab 17 Uhr, sondern bereits ab 9 Uhr morgens der Sekt fließen würde und es auch für ein, zwei meiner Bierchen eine Unterstellmöglichkeit geben würde. Die restlichen der rund 34 belgisch-niederländischen Bierflaschen bunkerte ich hinter den leicht nach vorne gezogenen »Sitzschränken«. An die Wand nahe dem Gang klebte ich die vor kurzem erworbene Uhr mit dem Schriftzug »Kein Bier vor vier«, auf der alle Ziffern durch 4 ersetzt sind, auf die Sitzschränke kamen die paßgenauen roten Kissen von 2010, damals zur roten Wandbespannung angeschafft, an den Gang die Fußmatte mit dem verblaßten Schriftzug »Hinknien, anklopfen und um Audienz betteln«, daneben den weißen Polster-Klapphocker mit Stauraum, einige Wandzettel, wonach jeder ab 4 mit belgisch Bier (plus Buch) abgefüllt werden kann, der dies wünscht, und das alles zu reduzierten Preisen - fertig! Rund drei Stunden hatte ich gebraucht. (Natürlich hatte ich wie immer auch dies und das vergessen, heuer einige Buchtitel, Visitenkarten und den Fotoapparat, die analoge Praktica. Na, dann mußten halt Prospekte die Visitenkarten ersetzen; die signierten 30 Exemplare meiner Neuerscheinung »Hamburg ABANDON - der Folterkeller« von Ralph Kretschmann waren gerade noch rechtzeitig per Expreß in Nehren eingetroffen.)

Stark promotet wurde von und bei den Merlins die Hausautorin Lisa Skydla, die sich nach eigenem Bekunden über Facebook eine treue Fangemeinde geschaffen hatte und nicht schlecht von ihren Werken leben konnte, allerdings auch alles selber machte, den ganzen technischen Kram, in Ebook-Formate konvertieren, in Online-Shops einstellen etc. Sie empfahl mir (statt Winword) wärmstens das Programm »Papyrus Autor« mit etlichen schriftstellerrelevanten Sonderfunktionen zusätzlich zum normalen »Papyrus«, das auch schon ganz gut sein soll, wie man hört. »Papyrus« hatte auch einen Stand ganz in der Nähe ... 

Da ich allein war, hätte ich eigentlich auf meinem Stand brüten sollen wie eine Henne auf ihren Eiern; vor allem in den drei Fachbesuchertagen allerdings machte ich schon mal den einen oder anderen Ausflug woandershin, und dabei nutzte ich noch nicht mal das vorbereitete Schild »Bin gleich wieder da« ...

So, nun war alles bereit - nun konnte es losgehen ...

Mittwoch, 19.10.2016


Um ca. 7.40 Uhr losschieben, im Morgengrauen - denn seit der famosen Sommerzeitverlängerung bis Ende Oktober kann man sich an einem Herbstmorgen schon so düster fühlen wie sonst nur an einem tristen Wintermorgen. 

Im U-Bahnhof Messe sah ich keine der rund zwei Meter hohen und drei Meter breiten, unter Glas bildschirmartig leuchtenden Werbeplakattafeln, wo ich eine Reklame für meinen Stand hatte anbringen wollen. Vielleicht waren die ja an den »falschen«, d. h. von der Messe wegführenden Ausgängen. Dann wäre es eh Verschwendung gewesen, Geld dafür auszugeben. Richtung Messeturm waren nur kleinere beleuchtete Plakate zu sehen, und an denen hasteten die Messegänger eilig und achtlos vorbei. Wenn Plakatwerbung überhaupt einen Sinn ergeben soll, dann wohl nur, wenn die ganze Stadt mit Dutzenden bis Hunderten von Plakaten für ein Ereignis oder so bepflastert ist. Das können sich nur größere Firmen leisten oder solche, die alles auf eine Karte, ein Großereignis setzen.

Vielleicht zehn Minuten später war ich an meinem Stand, ordnete alles nochmals, band mir gerade auf dem Klo eine Krawatte mit Leopardenmuster um, als in schmerzender Lautstärke der Gong mit der Ansage ertönte: »In wenigen Minuten öffnet die Frankfurter Buchmesse die Tore für das Publikum ...«

Wenn es in Halle 3 mehr Trubel gibt als in Halle 4, dann sollte ich doch den Umsatz von 2010, um die 1000 Euro, locker wieder einstellen können, dachte ich optimistisch.

Aber in den drei Fachbesuchertagen wollte kaum jemand kaufen, der Umsatz bemaß sich in Dutzenden, nicht in Hunderten von Euro, obwohl heute wie damals erkennbar viele der Besucher keine Fachbesucher waren, sondern z. B. Schüler oder andere Privatpersonen, die von irgendwem mit einer Fachbesucherkarte versehen worden waren.

Mehr Leute wollten mir was verkaufen als abkaufen: Grafiker, Druckereien, Autoren, Verlagsauslieferungen ...


Der Sammelstand neben mir bekam für 50jährige Messeteilnahme einen Schokokuchen, den zweiten. (Der erste ist nach 25 Jahren fällig.) Das mag ein kleiner Trost dafür sein, daß 50 Messeauftritte locker so viel kosten wie ein Einfamilienhaus ... 

Einer der Verlage am Sammelstand nebenan hieß Riva, und der hat ein Kochbuch »50 shades am Huhn« im Programm, das einerseits eine - aus dem Blickwinkel des vernaschten Huhns geschriebene - Parodie auf den bekannten SM-Schmöker ist, andererseits aber auch gute Hühnerrezepte bietet. Auf das Buch wies mich ein Besucher hin, daß es aber im Riva Verlag erschienen ist, merkte ich erst jetzt. - Eine Zeitlang verkaufte dort am Stand eine bildhübsche junge, blonde Assistentin, die auch noch (laut Namensschild) Cindy hieß. Schweres Schicksal ;-)


Der Gmeiner Verlag schräg gegenüber wurde 30 Jahre alt, da erschien sogar - nachdem er einige Male hin- und hergelaufen war - der SPD-Politiker und Ex-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, der wohl überall dabei ist, wo man fürs Reden und Auftreten viel bekommt, also meistens nicht im Bundestag.
Raus aus der Tram und rein in den Schienenersatzbus - leider in den falschen. An Sportstätten vorbei ging's bis zu einer Wendeschleife am lauschigen Waldrand, wo ich tags zuvor mit dem Auto auch rumgeirrt war. Also wieder zurück und rein in den richtigen Schienenersatzbus. (Auch Alteingesessenen passierte das.)

In Schwanheim nahm der Bus eine Route durch den Ortskern, die beidseitig von Tafeln gesäumt war: Hier werde am Sonntag, dem 30.10., die Marathonstrecke sein, dann könne man von 8.30 Uhr bis 16.30 Uhr nicht wegfahren - nämlich bis auch solche Langsamen wie S. und besonders ich durch sein würden. 2011 hatten wir am Frankfurt-Marathon teilgenommen, auch an einem 30.10., auch ein Sonntag, der die Umstellung von Sommer- auf Normalzeit brachte und somit eine Stunde mehr Nachtschlaf. Start war am Messeturm; als ich - nach vielleicht einem Dutzend Kilometern - über die Mainbrücke nach Sachsenhausen joggte, gar nicht weit von der Juhe, schob sich unter der Brücke ein niederländischer Frachter namens »Explosief II« durch, und ich fragte mich unwillkürlich: Was ist wohl aus »Explosief I« geworden? - Dann westwärts durch immer jüngere Gebäudezeilen, schließlich durch die öde Bürostadt und dann durch Schwanheim, wieder nordwärts über den Main und nach Nied, wo an der Kirche ein Schild stand:  »Wer mit dem Herrn läuft, der wird niemals müde.« Demzufolge müßten hier viele Gottlose laufen, denn so einen müden, ausgelaugten Haufen hatte ich selten gesehen. An einer Straßenecke das grüngestrichene, letzte Haus der Mainzer Landstraße, mit der Nummer 800. Dann eine Wendeschleife am Bolongaropalast im Stadtteil Höchst, 200 Meter vom »Hotelschiff Schlott« entfernt, wo ich rund zwei Wochen zuvor genächtigt hatte, ein Buchmessenaussteller (zusammen mit Charon) auch damals, auch damals 200 Meter von einer Straßenbahn-Endstation entfernt - nur war das Schiff als Unterkunft irgendwie romantischer ... - Nach Kilometer 30 hatte man dann das Vergnügen, die ganzen 800 Häuser der Mainzer Landstraße wieder zurückzujoggen ins Stadtzentrum ... 

Von der Marathonstrecke bog der Bus schließlich südwärts ab durch eine gasbeleuchtete Straße; in Frankfurt, auch in Sachsenhausen und sogar im modernen Büroviertel nordöstlich der Messe, trifft man noch etliche, und zwar nie mit dem in Berlin vorherrschenden Typus à la 1900, sondern mit einem in Berlin seltener zu sehenden, moderneren Typ.

Topmodern wie eine Zahnbürste: Frankfurter Gaslaternen






















Frankfurts Kneipen bieten neben Bier auch jede Menge »Geribbelten«, d. h. Äppler (nach der Glasform), eine willkommene Abwechslung, fand ich. Es ist sogar erlaubt, daß Raucherkneipen warme Speisen servieren, das muß man ja  heutzutage schon hervorheben. Ein kleiner Lichtblick angesichts der wachsenden Unfreiheit ansonsten: Einer erzählte, ein Führerscheinneuling sei mit 0,1 Promille erwischt worden in der Probezeit - ab zum Psychotest! Dabei scheint mir ganz Deutschland irre zu sein angesichts einer Ideologie, die das kleinste Bierchen dermaßen verteufelt. Fast war mir jener Typ lieber, der die Promillegrenze irrtümlich bei 0,7 verortete ...

Etwa um zehn war ich wieder im Hotel.

Donnerstag, 20.10.2016

Mein Freund, der Journalist S., kam, mein »Messeboy« von 2010. Mehrere belgische Starkbierchen auf nüchternen Magen, quer über den Tag verteilt, das sorgte für Kopfschmerzen, die erst durch den üppigen Hackbraten am Abend wieder weggingen.
 
Freitag, 21.10.2016

S. kam noch mal vorbei, diesmal mit seiner Freundin.

Das Rindsgulasch mit Rotkraut im Zehnthof war lecker, aber ich hätte noch eine weitere Portion vetragen können, deswegen kehrte ich freudig in eine nahegelegene Türkenkneipe ein, die genau dieses auf einer Tafel vor dem Haus anbot. Der Wirt: »Ich biete doch kein Gulasch an!« - Ich: »Doch!« - Wirt: »Ich habe keinen Koch!«


Der Wirt servierte mir schließlich etwas, was wie eine Kreuzung aus Spaghetti bolognese und Lasagne aussah, mit Fleischbrocken, dicken Röhrennudeln und mit viel Reibekäse obendrauf. Selbst die Bedienung hatte ein schlechtes Gewissen: »Das sieht wirklich nicht wie Gulasch aus. Sie können es ruhig zurückgehen lassen!« Aber was soll's - es schmeckte gut, das Überraschungsgericht :-)


Wohlgesättigt strebte ich ins nahe Hotel.

Samstag, 22.10.2016


Fast alle schliefen noch, auf den Straßen rührte sich kaum was - leider auch kaum Trams und Busse. »Ausgedünnter Verkehr«, ich kam erst zehn Minuten später mit dem Ersatzbus weg als sonst; auch die Straßenbahn in der jetzt ganz leeren »Bürostadt« zögerte ewig mit der Abfahrt. Tristes Wetter, trübe Gedanken. Die Spitze des Messeturms stak in Wolken.

Erst um 8.45 Uhr traf ich im Messeturm ein, wo schon ein riesiger Haufen von »Otto Normalverbrauchern« auf Einlaß wartete, denn heute war ja der erste der zwei abschließenden Messetage, die für Normalbesucher statt Fachbesucher reserviert sind. Zwar sind an den Fachbesuchertagen auch schon etliche Leute unterwegs, die erkennbar keine Fachbesucher sind, etwa Schüler, aber erst am Wochenende ergießt sich der Andrang der Normalbesucher ungebremst in die Messehallen.

8.53 Uhr: Ich sah verblüfft, daß auch unten in einer Ecke von Halle 3.0 schon eine Menschenmenge auf Einlaß wartete. Ja, richtig, schoß es mir durch den Kopf, hier mußte man ja immer so aufpassen: Wenn man eigentlich nur auf der Agora, dem Innenhof, Luft schnappen wollte, fand man sich unversehens außerhalb des Messegeländes wieder. Dumm, wenn man dann seinen Ausstellerausweis drinnen gelassen hatte ... 

Da wartete jetzt eine Menschenmenge auf Einlaß ab neun. Es war 8.55 Uhr. Ich eilte die Treppe runter und in die Gasse B, als auch schon der Gong ertönte: »In wenigen Minuten öffnet die Messe ...« Immerhin mußte ich heute keine Krawatte umbinden, ich trug ein T-Shirt mit Frackaufdruck unter einem schwarzen Jackett.

Kurze Zeit später quollen die Gänge über vor Menschen, und das blieb bis zum Abend im wesentlichen so. Die wenigsten waren aber kaufwillig. Meine »Kein Bier vor vier«-Uhr und die »Hinknien, anklopfen und um Audienz betteln«-Fußmatte wurden zwar belächelt, aber kaufen wollte kaum einer, auch nicht zu einem Preis von 5 Euro für ein und 10 Euro für drei Bücher. Auch von den 30 autorsignierten Comics waren am Schluß noch 27 da. 


Freund D. kam, dem ich einen Ausstellerausweis überlassen hatte. Am Freitag hatte er sich leider nicht freimachen können. Er knipste mich und meinen Stand:



Rosa Glitzerhut und T-Shirt mit Frackaufdruck - fertig ist der Schwergewichts-Buchmessenparadiesvogel 2016




Die meisten Bierchen wurden von uns getrunken, von mir, D., S. und den Merlins, nur wenige wurden an Kunden ausgeschenkt. Etwa die Hälfte der Flaschen waren bei Messeschluß noch voll.

Sonntag, 23.10.2016

Noch ausgedünnter war der öffentliche Nahverkehr heute. Ich mußte den Bus um 7.40 Uhr erreichen, denn der um 8.10 Uhr wäre zu spät, da käme ich mitten in die Traube der Lese- und Einkaufswütigen und bliebe darin stecken. Vom Hotelzimmer bis zum Messestand, Luftlinie vielleicht fünf bis sechs Kilometer, brauchte man in der Tat etwa eine Stunde mit dem öffentlichen Nahverkehr.

Der Morgen graute vor sich hin, zwei, drei Hähne vom nahen Kleintierzüchtergelände krähten um die Wette, als könnten sie so das triste Grau vertreiben, kaum jemand war unterwegs.

Diesmal war ich schon um 8.45 Uhr am Stand, da blieb noch etwas Luft, bevor sich die Menschenmassen durch die Gänge ergossen. Ich hatte den weißen Polster-Klapphocker direkt an den Gang gerückt. So mußte ich nicht immer stehen, konnte sitzen und den Verkehr im Gang im Auge behalten. Gelegentlich besorgte ich mir eine Gratiszeitung, eine FAZ etwa (die ironisch-süffisante Messe-FAZ war ja leider aus Kostengründen eingestellt worden), damit's über die Stunden hinweg nicht allzu langweilig wurde. Aber viel zum Lesen kam ich natürlich speziell an den letzten beiden Tagen nicht ...

Den Rollwagen hatte ich am Stand gelassen, mit schwarzen und roten Bettlaken kaschiert und Prospekte darauf drapiert. 
   
Auf einmal stand am frühen Nachmittag der Chef des Goliath-Verlags vor mir, der nach wie vor in Halle 4.1. residiert. Strunzte er vor Jahren noch, die Kosten seines aufwendigen Stands (locker 6000 Euro) und der Reklame in diversen Gängen allemal durch Verkäufe reinzukriegen (»Lediglich Bahnhofs- und andere Buchhandlungen werden immer zickiger und zurückhaltender, aber viele kaufen nur einmal jährlich hier am Stand, der Messeauftritt trägt sich«), so war seine Laune jetzt gedämpfter: Die Umsätze gingen weiter zurück, es sei nicht mehr kostendeckend, und überhaupt sei alles viel zu teuer: Die Eintrittskarten für Otto Normalverbraucher 28,- Euro fürs ganze Wochenende, ein Schloß für die Sitzschränke 49 Euro (also besser selbst eins mitbringen), die Merlins zahlten für die Genehmigung, auf dem Messegelände zu parken, über 80 Euro usw. usf. Selbst ein einziges popliges Regal beim Gemeinschaftsstand kleiner Verlage in Halle 3.1 ist mit rund 900 Euro nicht viel billiger als ein 4-m2-Stand. Ich: »Stinklangweilig und hochliterarisch ist dieser Stand, manche Regale sind nicht mal vom Gang aus zu sehen, dazu muß man sozusagen in die Hinterzimmer gehen.« Goliath: »Das haben wir am Anfang mal gemacht - die reine Katastrophe! Die sind einfach viel zu konservativ!« Zu konservativ für erotische Inhalte - das dürfte für einen Großteil des deutschsprachigen Buchhandels gelten. Auch meine wenigen Vertreter im Buchhandel mühten sich vergeblich ab, keiner wollte den Marterpfahl ans Lager nehmen. Ein Vertreter winkte von Anfang an ab: »Interessantes Sortiment - aber können Sie sich vorstellen, was der durchschnittliche Tiroler Buchhändler dazu sagt?«

Wahrscheinlich ähnliches wie der Herrscher von Schardscha (Sharjah), des konservativsten der Arabischen Emirate. Dabei hat der durchaus literarische Ambitionen. Als ich 2011 bei der feierlichen Eröffnung der Frankfurter Buchmesse dabei war (Ehrengast Island hatte seinen Präsidenten und seinen Botschafter aufgeboten, Deutschland Außenminister Westerwelle), hieß es am Schluß: »Bitte bleiben Sie noch sitzen, bis die Ehrengäste den Saal verlassen haben« - darunter auch der Herrscher von Schardscha. Ich erwartete einen Mann im Nachthemd mit einem Gefolge tiefverschleierter Frauen und war etwas enttäuscht, als das ausblieb. - 2012 stellte der Herrscher seine im Olms Verlag erschienene zweibändige Autobiographie vor und war persönlich am Stand des Verlags, aber wieder unauffällig europäisch gekleidet, und inzwischen hat er sogar selbst eine große Buchmesse, siehe hier, mit über 1400 Ausstellern!


Das meiste sicher Koranausgaben, alhamdullilah



Da flögen die Kutten und Handtücher hoch beim Anblick von z. B. Goliath-Girls!:-)



Fast wie Frankfurt am Main - bis auf die fehlenden Drinks










Frei ausgepflanzte Palmen gibt's in Frankfurt am Mainufer auch schon und verschleierte Frauen ebenfalls - aber in Schardscha ist noch nicht mal ein Feierabendbierchen erlaubt!

Ansonsten erlauben Islamisten sich ziemlich viel. Einmal nahm Goliath auch an der Pariser Buchmesse teil, die viel eher als Frankfurt als Verkaufsmesse konzipiert ist, und Goliaths Bände zeigen ja fast nur Bilder, kaum Text. Das Ergebnis war enttäuschend. Fast alle Bücher wurden wieder für die Rückreise verpackt. Goliath: »Dort und in den USA ist das alles so halbmafiös geregelt, man darf das nicht selber machen, sondern nur von der offiziellen Gewerkschaft zugelassene Arbeiter.« Und als die Goliaths dann zu Hause die Palette mit den zurücktransportierten Büchern in Augenschein nahmen, da lagen zwar obenauf Goliath-Bücher, aber darunter tonnenweise islamistische Pamphlete. Nur die Schadenersatzsumme der Versicherung verhinderte ein wirtschaftliches Desaster. 

Der Erotik-Bildbandverlag Edition Reuss war seit einigen Jahren auch nimmer bei der Buchmesse vertreten. Neu dabei ist »Plaisir d'amour - Erotik von Frauen für Frauen«, die nur Schmachtfetzen, manche etwas SMig, von AutorINNEN nehmen - mir juckt's im Schreibfinger, die mit einem Fake-Manuskript auszutricksen, wo ich doch so einfühlsam schreiben kann ;-) - Aber ist wohl zu aufwendig.

Was vielleicht möglich und sinnvoll wäre: Den Stand eines Anbieters fürs Fachpublikum (wie der Runge Verlagsauslieferung), der am Freitagabend schon schließt, am Samstag und Sonntag für sich selbst nutzen (mit Einverständnis des Standinhabers - und wenn er nicht zu weit weg von den allgemeinen Publikumsverlagen liegt); oder bei der Messe nach Last-Minute-Angeboten fragen, also bis zuletzt freigebliebenen oder wieder freigewordenen Ständen (etwa weil ein Verlag pleite gegangen ist). 

In Leipzig kostet zwar alles nur zwei Drittel der Frankfurter Preise, aber die Umsätze sind auch geringer. Daß der rechte COMPACT-Verlag von Jürgen Elsässer in Leipzig nur unter Polizeischutz ausstellen konnte, berichtete ich schon hier; daß die Polizei sogar COMPACT-Leute begleiten mußte, die etwas Vergessenes aus dem Auto holen wollten, war mir neu, die Merlins erzählten es mir. So viel zum Stand der Toleranz in Deutschland. Auch religiöse Verlage als Standnachbarn reagieren mitunter verschnupft auf Erotika ... - Die JUNGE FREIHEIT war von Halle 3.1 in Halle 4.1 verlegt worden, möglicherweise mit politischem Hintergrund.

Endlich ging's zu Ende. 17.30 Uhr. Bis zuletzt wühlten einige SMer in meinem Angebot, aber insgesamt war das Ergebnis enttäuschend: Nur etwa 250 Euro Einnahmen aus Buchverkäufen.


Ich packte meine Aktentasche, räumte die Bücher und alles sonst zu ordentlichen Stapeln zusammen, fügte einen Zettel »Wird bis Montagmittag abgeräumt« hinzu und ging.

Viel gegessen und getrunken und früh schlafen gegangen.
 
Montag, 24.10.2016

Heute döste ich mal länger, saß erst um acht beim Frühstück.

Um zehn Abfahrt mit dem Auto, aufs Messegelände. Ich mußte aufs Parkdeck über Halle 4.1, der Parkplatz vor Halle 3 war überfüllt. Wie am Montag zuvor waren die Messebauer mit Musikbedudelung tüchtig am Werkeln, nur diesmal halt am Abbau statt am Aufbau, und wieder waren die Gänge so vollgestellt, daß ich kaum durchkam.


Wenige Minuten später stand ich fassungslos vor meinem geplünderten und verwüsteten Stand: Die roten Sitzkissen waren weg, die Uhr, die Fußmatte, ca. 60 Bücher im Großhandelswert von ca. 480 Euro, nicht aber der Klapphocker und die Bücher darin, die restlichen belgischen Bierchen auch nicht, wohl aber die beiden Flaschenöffner, so daß ich mir nicht mal zum Trost eins aufmachen konnte. Traurig klaubte ich die verstreuten Visitenkarten zusammen, machte klar Schiff, so gut es ging, erstattete pro forma Anzeige bei der Polizei, die mich und einen anderen ebenfalls Ausgeraubten, auch aus Halle 3.0, ganz in der Nähe meines Stands, eher barsch und förmlich behandelte denn hilfreich. Klar, das Diebesgut seh ich nie wieder - aber wenigstens als Ausgabe möcht' ich's geltend machen ... 


Bei tristestem, trübstem Regenwetter fuhr ich heimwärts, setzte mich Stunden später mit den verbleibenden, trostreichen Bierchen an diesen Rechner und begann diesen Bericht, der jetzt, drei Tage später, fertig ist, viel zu spät eigentlich. Buchmessenauftritte stibitzen - selbst ohne Räuber - zu viel Geld, und solche Berichte wie dieser hier stibitzen zu viel Zeit, auch wenn es Spaß macht, sie zu verfassen (und einigen Fans, sie zu lesen).


Gerade mal poplige 60 Bücher waren in meiner Abwesenheit bestellt worden - inzwischen sind's aber schon wieder über 200, und so muß ich morgen trotz meiner fetten Erkältung (nur Tabletten halten mich aufrecht, so daß ich hier schreiben kann) Pakete schnüren.


Mein Blog wies vor einigen Tagen mal wieder eine plötzliche Besucherspitze auf - 300 Besucher statt 50. Vor einem Jahr waren's die Russen, die für solcher Besucherspitzen sorgten, vor einigen Wochen die Amis und diesmal kurioserweise die Polen; sie besuchten letzte Woche häufiger meinen Blog als die Deutschen. Komisch - soooo viele polnische Druckereien, die mir was verkaufen wollen, gibt's doch auch wieder nicht ...


Beim Schreiben rief einer an: »Ist da die Kurklinik Bad Sebastiansweiler?« (5 km entfernt). Daß man mich mit der Gemeinde oder der Kreissparkasse verwechselt, sich verwählt, das kam schon öfter vor - aber noch nie mit der Kurklinik Bad Seb.weiler.
 

Vorgestern mailte mir die Buchmesse: »See you in 2017, Rüdiger Happ!« Haha - da kann sie lange warten! Es sei denn, mir fällt irgendein Trick ein ...

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