25.8.09

Obama, Hitler, »Zensursula«: Panoptikum der aktuellen Polit-Hysterien

Sie haben es schon einmal geschafft. Als US-Präsident Clinton eine Krankenversicherung für alle US-Amerikaner einführen wollte, brachte ihn eine Mischung aus Lobbyismus und verfilzten wirtschaftlich-politischen Interessen zu Fall, angereichert durch die geistige Verwirrung jener Leute, die »soziale Sicherheit« mit »Sozialismus« verwechseln.

Wird es diesmal wieder so gehen? Präsident Obamas »Honeymoon« ist vorbei, keine Frage, die 100-Tage-Schonfrist verstrichen. Die politischen Probleme (Irak, Wirtschaftskrise, Guantanamo) sind zäher als gedacht, und die von der »Obamania« gnadenlos niedergelächelten Republikaner, die ganze Bevölkerungshälfte rechts von der Mitte, erheben sich wieder, zornbebend offenbar, wütend über den Verlust ihrer einstigen »Diskurshoheit«. Der Streit um die geplante Krankenversicherung für alle kommt ihnen gerade recht – kein Vorwurf ist zu absurd, um nicht erhoben zu werden: Obama wolle nicht nur den Sozialismus einführen, sondern plane gar Euthanasie für Alte. Auf Haß-Karikaturen ziert ein Hitlerbärtchen sein Konterfei, und manches als Informationsveranstaltung geplante »Town hall meeting« wird zum übel polemischen »Town hell meeting«, wie Politiker es erschauernd nannten, nachdem sie es zum ersten Mal durchgemacht hatten. Die rechte Meute hat Schaum vor dem Mund. Und nach wie vor wird deutlich: Die USA sind ein tief zwischen links und rechts gespaltenes Land. Obamas Sieg war ja gar kein »Erdrutschsieg« gewesen. Das war nur eine minimale Kräfteverschiebung von 48 auf 52 % oder so. Aber weil bei der Wahl der Wahlmänner gilt »the winner takes it all«, egal wie knapp der Sieg war, verdeckt die hohe Zahl der Pro-Obama-Wahlmänner, wie knapp der Ausgang der Wahl in Wahrheit war. In Florida war er fast so knapp wie 2000; es dauerte Stunden, bis endlich der hauchdünne Vorsprung Obamas feststand. Eine winzige Verschiebung zugunsten der Republikaner hätte genügt, und aus Florida wären nur noch republikanische Wahlmänner anmarschiert zur eigentlichen Präsidentenwahl.

Ähnliches spielt sich derzeit in Deutschland ab, wenn auch weniger im wirklichen Leben als im Internet. Haßobjekte sind Schäuble und »Zensursula« von der Leyen. Ja, ich mag die beiden auch nicht sonderlich. Gewiß, Löschen ist besser als Blockieren. Nur ist das manchmal verdammt schwierig mit dem Löschen. Wie viele der »Zensurgegner« würden auch dann noch standhaft bleiben, wenn sie mit Foto, Namen und Adresse als »Feinde« auf einer rechtsradikalen Homepage prangten, deren Server in Aserbaidschan steht und deren offizieller Inhaber ein Liechtensteiner Rechtsanwalt ist?

Derzeitiges Zornobjekt der versammelten deutschen Internet-Gemeinde ist dieser Auftritt unserer Bundesuschi. Von einer Haßkampagne, die ihn »sprachlos mache«, spricht ein Kommentator in seinem Blog. Andere haben ihre Sprachlosigkeit überwunden, steigern sich bis hin zu absurden Vergleichen wie »Magda [Goebbels], Margot [Honecker], Ursula« und demonstrieren damit nur, daß sie ebenso jedes Maß verloren haben wie die Obama-Hitler-Vergleicher. – Dem Publikum im Saal schien’s allerdings zu gefallen, ebenso wie den meisten Zeitungskommentatoren. Mein Gott, es ist Wahlkampf in Deutschland – der bringt nun mal Sumpfblüten hervor wie »Freiheit statt Sozialismus!« (CDU 1976) oder »Wer CDU wählt, wählt Krieg!« (unser linker Ortspfarrer Anfang der 80er Jahre zu alten Leuten).

Es geht ein tiefer Riß durch Deutschland: zwischen den Internet-Vielnutzern und den Internet-wenig-bis-gar-nicht-Nutzern. Unter letzteren finden sich viele Ältere, aber nicht nur; schon in meiner Altersgruppe, der der 40- bis 50jährigen, gibt es viele, die technisch durchaus aufgeschlossen sind und keinesfalls vorgestrig, die aber mit Familie, Beruf und allerlei mehr so ausgelastet sind, daß sie kaum Zeit haben, vor einem Bildschirm herumzuhängen, egal ob Fernseher oder Internet. Die bestellen vielleicht mal was bei Amazon oder ebay, aber von den ganzen Blogs, Chats, Diskussionsforen haben sie kaum Ahnung, geschweige denn daß sie sie jemals besuchen.

Mein jüngster Bruder ist 25, Mathe-und-BWL-Student kurz vor dem Abschluß, gibt Nachhilfe, hat eine russische Freundin, sein Tag könnte 25 Stunden haben – nur einen DSL-Anschluß hat er nicht mehr, den hat er mangels Bedarf schon vor Jahren wieder abgebaut. Schreiben Sie ihm keine Email, die bleibt ewig ungelesen, rufen Sie ihn lieber auf dem Handy an, das ist ihm unentbehrlich. Falls sich hingegen jemals das Internet plötzlich in Luft auflöste, bemerkte er es wohl erst nach etlichen Monaten ...

Ganz anders die Dauerchatter, Wikipedianer, Forenstammgäste mit Tausenden von Beiträgen, die unermüdlichen »Leitartikler« der selbstverliebten »Blogosphäre«. Sie sind narzißtisch. Sie glauben sich an der Spitze des Fortschritts, den altmodischen Spießern haushoch überlegen. Sie halten sich für den Nabel der Welt, wo doch die politisierenden Blogs nichts weiter sind als eine Ergänzung der papierenen Zeitungskommentarspalten. Die meisten Beiträge der Polit-Blogs verlinken doch auf Beiträge der traditionellen Bezahl-Medien und kommentieren sie, d. h. sie kommentieren etwas, von dessen Vorhandensein die Blogger ohne die traditionellen Medien gar nichts wüßten. Wie sollte ein Freizeitblogger auch in der Lage sein, höchstpersönlich sachkundig über ein Gipfeltreffen in Vancouver zu berichten, Reportagen über die Lage in Tibet oder Afghanistan, über Giftmüllskandale in Rußland oder den Walfang in der Antarktis zu verfassen? Das können nur Profis machen, und wenn sie ihre Arbeit nicht gut genug tun, dann muß man sie ermahnen und ermuntern, aber nicht dummes Zeug vom »bevorstehenden Ende der Zeitungen« daherschwallern. Schlimm genug, daß die mitunter ideologisch verzerrte, oft unzuverlässige Wikipedia dem alten Brockhaus den Garaus gemacht hat. Wenn die Internetgemeinde heute den traditionellen Journalismus als unzureichend verhöhnt, dann ist es wie so oft: Wer mit dem Finger auf andere zeigt, auf den weisen drei Finger zurück. Mit dem Internet als billigem neuem Medium brachen die Anzeigenmärkte ein, und immer weniger Zeitungen können es sich heute leisten, Journalisten für gründliche Recherchen an einer Story freizustellen. Ein Freund von mir, Journalist bei der Stuttgarter Zeitung, deckte vor ein, zwei Jahren auf, daß eine namhafte Stuttgarter Baufirma bulgarische Arbeiter illegal ausbeutete. Dazu war tagelange Recherche nötig, stundenlange Telefonate mit Bulgarien in Anwesenheit von (natürlich bezahlten) Dolmetschern. – In Mecklenburg-Vorpommern wäre so was heute schon nicht mehr möglich: Viele Leute dort haben gar kein Zeitungsabo mehr, und wenn drei Reporter das ganze Blatt vollschreiben und ein Riesenaufgabenspektrum und -gebiet abdecken müssen, bleibt die nötige Recherche, das an sich nötige Nachhaken und Tieferbohren eben einfach auf der Strecke – zum Schaden unserer Demokratie, die ohne eine funktionierende »vierte Gewalt« ebenfalls nicht richtig funktionieren kann. Die Blogger können sie nicht ersetzen, die sind nur eine Art Schaumkrone auf dem Pils der (hoffentlich) gut recherchierten Fakten. Ist das Pils weg, fällt auch die Schaumkrone in sich zusammen ...

Daß traditionelle Medien mitunter Kampagnen fahren (gegen Hohmann und Herman, gegen die neue Rechtschreibung [FAZ]), ist nicht allzu tragisch. Wer FAZ oder taz abonniert, weiß ja, worauf er sich einläßt. Die Blogger fahren ja ebenfalls Kampagnen, etwa gegen »die Musels« (»politically incorrect«) oder gegen den Feminismus (»Genderama«). Was soll’s. Das gehört zum politischen Leben dazu.
»Man hat uns ein paar Klowände im Internet überlassen«, schrieb Eugen Maus, der Vorsitzende von Manndat, vor Jahren über die Bedeutung der maskulistischen Internetforen. In der Tat: Von der Lufthoheit über diesen virtuellen Stammtischen fällt nicht nur in China kein Sack Reis um, davon hebt auch kein deutscher Bundestagsabgeordneter die Hand gegen ein männerfeindliches Gesetz. Die Terminkalender der Bundestagsabgeordneten sind nämlich meist randvoll – und nur ganz ausnahmsweise findet sich ein freies Stündchen fürs Abhängen in irgendwelchen Internet-Diskussionsforen ...

Die Fassungslosigkeit der Internetgemeinde über den Beifall, der von der Leyen in solchen Versammlungen wie der oben entgegentost – das ist auch das fassungslose, entsetzte, plötzliche Begreifen der eigenen Marginalität: Der Mainstream des Lebens findet nicht im Internet statt. Jedenfalls noch nicht.

NACHTRAG: Der Rückblick auf die letzten Jahrzehnte sollte zur Gelassenheit mahnen. Was hat sich die APO über die 1968 geplanten Notstandsgesetze echauffiert - sie kamen trotzdem, aber wir leben immer noch in einer Demokratie. - 2020 hätten wir nur noch entwaldete, erodierte Hügel, hieß es auf dem Höhepunkt der Waldsterben-Hysterie um 1984, und es ärgert mich heute, daß ich das damals so ernst nahm. Gewiß, die Wälder sind nicht mehr so gesund wie einst, und es ist auch gut, daß die Autos Katalysatoren verpaßt bekamen, aber die ganze Sache war doch maßlos übertrieben. - Alle Gesundheitsminister würden in Zukunft nur noch an ihrer Haltung zur drohenden Aids-Pandemie gemessen werden, hieß es in einem Buch von etwa 1986. Die Pandemie gibt's höchstens in einigen afrikanischen Ländern, bei uns hat sich die Lage so entspannt, daß etliche schon wieder ZU entspannt, d. h. nachlässig und leichtsinnig geworden sind. - Vor zwei, drei Jahren konnte man keine zwei, drei Sätze lang debattieren, ohne daß der Klimawandel ins Spiel kam. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen wurde nicht mehr empfohlen, weil sie die Unfallzahlen senken könnte oder weil es generell gut ist, Rohstoffe - Öl - zu sparen, sondern nur noch weil sie vielleicht einen marginalen Beitrag zur Abwendung der angeblichen Klimakatastrophe leisten könnte. Ich glaube, wir müssen der aktuellen Weltwirtschaftskrise dankbar sein, daß sie uns erspart, alle zwei Sätze lang etwas über den Klimawandel hören zu müssen - ein geradezu glücklicher Wandel des Diskussionsklimas sozusagen ;-)

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