21.2.07

Narri-narro - kleine Rede zum Aschermittwoch: Die schleichende Diktatur

Schade, es wär so schön gewesen, verkünden zu können, daß ich die 80-kg-Schwelle schon vor der Fastenzeit unterschritten habe - es hat nicht sollen sein: Nach 100 Minuten langsamen Joggens mit wenig Trinken brachte ich am Dienstag abend immerhin noch 80,5 kg auf die Waage. Noch eine Stunde weiterzujoggen wär einfach zuviel gewesen. Aber der Tag des Triumphs kann nicht mehr fern sein ...

Gar nicht faschingsmäßig lustig war die neueste Attacke unseres neuen, grünen Tübinger OBs Palmer. Der muß sich natürlich in puncto Umweltschutz besonders hervortun, und das ist nun das Resultat: Ab 1. März kommt man mit dem Auto ohne Umweltplakette nicht mal mehr zur Tübinger Hauptpost, von Rest der Stadt ganz zu schweigen. Ausgenommen sind nur Industriegebiete und zwei Durchgangsstraßen ohne Parkmöglichkeit. Na, Prost Mahlzeit. Wenn die Politik sauberere Autos will, soll sie bei Neuzulassungen darauf achten, daß bestimmte Abgaswerte nicht überschritten werden, aber der Altbestand möge doch bitte Bestandsschutz genießen. Weil man aber in Berlin versäumte, den deutschen Herstellern z. B. Dieselrußfilter vorzuschreiben, gibt man jetzt den schwarzen Peter an die Kommunen und an Otto Normalverbraucher weiter. Der Reinhaltungseffekt der Luft wird minimal sein, der bürokratische Aufwand immens. Wahrscheinlich brächte es mehr, an heißen, staubigen Tagen die Straßen mit Wasser zu sprengen. Merkwürdig: Diese Feinstaubverordnung gilt doch in der ganzen EU, nicht wahr? Ich habe aber den Eindruck, daß man in Lissabon und Athen, in Riga und Sofia durchaus andere Sorgen hat, als sich um so einen Scheiß zu kümmern - nur Deutschland muß da wieder übereifrig sein, genau wie beim bescheuerten Gender-Mainstreaming; aber das ist eine andere Baustelle, eine genauso ärgerliche ... Ich finde: Wer ein ordnungsgemäß für den öffentlichen Verkehr zugelassenes Auto fährt, der sollte damit auch überall hinfahren dürfen, wo nicht Fußgängerzone ist.

Das Umweltschädlichste an einem Auto ist wohl die Herstellung - was da alles an Rohstoffen und Energie verbraucht wird! Daher ist es unsinnig, einen 20 Jahre alten Kadett zu verschrotten, der noch läuft, der aber relativ viele Schadstoffe ausstößt. Besser ist es, das alte Ding noch so lange zu fahren, bis es eben an Altersschwäche dahinscheidet. (Genauso wie es auch Unsinn ist, eine noch funktionierende Heizungsanlage verschrotten zu müssen, nur weil sie etwas zu viel Schadstoffe ausstößt). Unsozial ist es nebenbei auch: Was sollen denn die Leute machen, die sich die sündteuren neuen Autos nicht leisten können?

Tja, was machen nun meine Freunde, die 20 Jahre alte BMWs und VW-Busse fahren, weil sie entweder nicht viel verdienen oder nicht einsehen, daß sie der Industrie für überteuerte moderne Autos ganze halbe Jahresgehälter in den Rachen werfen sollen? Die fluchen erst mal, sehr zu Recht. Genau wie ich. So langsam kann's einem wirklich vergehen. Von 1952 bis 1957 gab's auf bundesdeutschen Straßen kein generelles Tempolimit, auch in Ortschaften nicht. Der allgemeine Paragraph der Straßenverkehrsordnung, wonach man man »angepaßt« fahren und sein Fahrzeug immer im Griff haben soll, genügt ja auch eigentlich. Dann kam 50 km/h in den Ortschaften und 1974 im Gefolge der Ölkrise 100 km/h auf Landstraßen. 1981 genügte es bei meiner Fahrprüfung noch, 25 Minuten mit einem Automatikauto durch die Stadt zu fahren, heute müssen es 45 Minuten mit einem handgeschalteten Wagen sein - mehr Fahrstunden, mehr Fehlerquellen, mehr Chancen durchzufallen, höhere Kosten ... Logisch, daß heute viele nicht mehr automatisch Auto- und Motorradführerschein zusammen machen, sondern nur noch den Autoführerschein allein. Seit 2000 ersetzt eine unsinnige europakompatible Vielfalt, um nicht zu sagen: ein Gewurschtel von Führerscheinklassen die einstigen übersichtlichen deutschen Führerscheinklassen. Daß man als Autoführerschein-Inhaber jetzt 125er fahren darf und daß es Saisonkennzeichen gibt, man also nicht mehr zweimal jährlich zur Zulassungsstelle marschieren muß wegen des Motorrads, das sind die einzigen Verbesserungen und Erleichterungen. Überall machen sich Parkuhren breit, die man bis 1965 in Tübingen noch gar nicht kannte - und trotzdem war der kommunale Haushalt damals (hoffentlich) ausgeglichen. Das beweist, daß die Einnahmen aus den »Knöllchen« völlig unnötig sind für die öffentlichen Haushalte; vielmehr haben sich die Stadtkämmerer nur wie die Junkies an diese finanziellen Zuflüsse gewöhnt, und ständig muß die Dosis erhöht werden. Auch das Argument der »Knappheit des Parkraums« zieht nicht: Die Zahl der Parkplätze bleibt absolut gleich, ob man nun Gebühren erhebt oder nicht. Da Knöllchen in Tübingen noch verhältnismäßig preisgünstig sind, laß ich's meist darauf ankommen - das kommt billiger, als wenn ich jedes Mal brav zahlte. Außerdem seh ich das grundsätzlich nicht ein: Wir Steuerzahler haben doch alle diese Straßen schon durch unsere Steuern bezahlt, warum sollten wir für ihre Benutzung zum Zwecke des Parkens noch einmal zahlen? Mit der Umweltplakette werd ich's genauso halten, obwohl ich ein fast neues Auto habe. Erst mal sehen, wie intensiv kontrolliert wird; bei der herbstlichen Regelinspektion ist dann noch genug Zeit, die Plakette draufzumachen. Motorräder sind übrigens ausgenommen von der Plakettenpflicht, ebenso Dreiräder. Hätt ich mir also statt eines Dacia Logan so ein stinkendes Vespa-Dreirad mit Zweitaktmotor geleast, dürfte ich weiterhin in Tübingens Altstadt die Luft verstinken; auch der lokale Pizzadienst braucht sich keine Sorgen zu machen.

Vor ein, zwei Jahren genügten ein paar Tage Winterwetter (»Schneechaos«), um die gesetzliche Winterreifenpflicht hervorzubringen; und obwohl mein Dacia eine Allerweltsreifengröße hat (oder vielleicht doch nicht mehr im Zeitalter der angeberischen Breitreifen - 13/135, glaub ich), gibt's keine Ganzjahresreifen. Da ich aber keinen Bock auf alljährliche zweimalige Wechselei habe, bleiben von nun an die Winterreifen einfach ständig drauf - wer braucht einen Satz Sommerreifen in der genannten Größe?

Wer weiß, ob das mit der lebenslangen Gültigkeit des Führerscheins auch noch lange so gilt wie bisher; als ich meinen rosa Schein in eine Plastikkarte umtauschte, hieß es »Wenn sie mit Anhänger bis zu 17,5 Tonnen fahren wollen, müssen Sie ab 58 mit einer Gesundheitsprüfung rechnen«, nur wenn man sich mit 12,5 Tonnen begnügte (wie ich), dann galt er auch weiterhin altersmäßig unbeschränkt. Eine Salamitaktik, scheint's, wie auch bei einem anderen Sektor: Erst galt eine Grenze von 0,8 Promille, jetzt 0,5 Promille, schon diskutiert man über ein totales Alkoholverbot für Fahranfänger. Wo soll das enden? In der schönen neuen langweiligen Abstinenzlerwelt? Der gegenwärtige Kreuzzug gegen die Raucher läßt Schlimmes ahnen ... So eine Cocktailbar wie »Japgo« in Tübingen ( http://www.japgo.de/ ), die im Industriegebiet liegt, wo die letzten Busse ab ca. 19 Uhr fahren, zu einem Zeitpunkt also, wo die Bar gerade erst aufmacht, die kann man praktisch nur mit dem Auto anfahren. Nie wieder »Zombie« im »Japgo« - oder nur wenn man anschließend 3 Kilometer ins Stadtzentrum zum Busbahnhof joggt?

Ich muß sagen, so langsam reicht's mir. Immer mehr Einschränkungen, immer mehr Bevormundung! Wenn ich das Auto nicht für meine Pakete bräuchte und auf dem Lande lebte, wär jetzt so langsam der Zeitpunkt gekommen, wo ich's den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft an den Kopf werfen wollte nach dem Motto »Macht euern Dreck alleine!« (Im Ausland ist's auch nicht besser: In England wird man wie in Monaco und in dem Roman »1984« praktisch lückenlos durch Kameras überwacht, in Australien sollen demnächst sogar die normalen Glühbirnen verboten und lückenlos durch Energiesparbirnen ersetzt werden - per Gesetz ... usw. usf. ... Das sage ich nur, falls ein Auswanderungsfan sagt: »Nix wie weg aus Deutschland!«) Da sollen wir einerseits die Porsches und dicken Mercedesse kaufen, denn die Wirtschaft soll ja brummen, andererseits dürfen wir diese Gegenstände aber immer eingeschränker benutzen - oder ist der Plakettenzwang in Wahrheit ein Programm zur Wirtschaftsförderung, zur Anschaffung neuer Autos, genau wie bei der auch wieder diskutierten Forderung »alle über zehnjährigen Autos jährlich [statt zweijährlich] zum TÜV?«

Wie dem auch sei: Das ist alles mega-ärgerlich. Franz-Josef Straußens einstige gespielte Wut beim politischen Aschermittwoch ist wenig im Vergleich zu meiner ;-)

1 Kommentar:

Zuerihegel hat gesagt…

/me fragt sich nun, ob allzuviele Deutsche diese Zeilen nicht gelesen haben, denn: wieso kommen die denn seit einiger Zeit in der Art einer Invasion in die gerade von ihnen so oft kritisierte Schweiz, um hier zu arbeiten - und Geld zu verdienen? Ja, denkt Ihr denn, hier gäbe es keine derart blödsinnigen Vorschriften??? Ich erinnere doch nur einmal an die vielen Metzgereien und Molkereien in der Schweiz, die schliessen mussten, weil sie die absolut hirnlosen Vorschriften als "vorauseilendem Gehorsam" der Schweiz gegenüber der Finanz- und Existenzvernichtungsmaschine EU nicht erfüllen konnten!!! Und dann sah ich in Dänemark - einem EU-Land -, dass die dort noch heute Schlachtereien betreiben, in denen man IMHO überhaupt keine Hygienevorschriften zu kennen scheint. IHR habt Euch den Dreck selber eingebrockt, IHR wolltet diesen Moloch EU - wir sind als klar denkende Menschen absolut dagegen! Trotzdem leiden auch wir unter diesem hirnlosen Blödsinn.

Willkommen deutsche Neuzuzüger - geniesst Euer neues "Paradies" Schweiz... Wo's mehr Vorschriften gibt, als Ihr Euch träumen lasst.

MrG:
Hans-Peter